Hintergründe

Dass die Hexen die schwersten Strafen verdienen, mehr als alle Verbrecher der Welt- (Hexenhammer I,14)

Wenn wir heute auf das Wort “Hexe“ stoßen, steigen wir hinab in das bunte Reich der Märchen und Sagen. Erzählungen, wie die der Gebrüder Grimm, kommen uns in den Sinn. Vielleicht denken wir auch an die Fastnacht, die bei uns in Süddeutschland “Fasnet“ heißt und mit ihren bunten “Häßern“ und schaurigen Masken schon dem einen oder anderen Umzugsbesucher das Fürchten lehrte.

Ein Feindbild, welches dem damaligen Hexenbild entsprach, ist für uns heute nicht im Entferntesten mehr vorstellbar. Dennoch spielte sich die Hexenverfolgung, als eine der dunkelsten Zeiten der Geschichte, direkt vor unserer Haustüre ab. Jeder konnte eine Hexe sein. Die Nachbarin, die ihrem Gegenüber immer einen Augenblick zu lange in die Augen sah, oder jene, die beim abendlichen Milchholen immer den Stall betrat. Menschen, deren Äußeres sich von der breiten Masse abhob. Etwas rotes Haar, intensive Augenfarben oder gar verschiedenfarbige Iriden zeugten davon, dass man es mit einer Hexe zu tun hatte. Ein zurückgezogenes Leben, ebenso wie Kenntnisse und Wissen in der Heilpflanzenkunde galten als ebenso hochverdächtig, wie die Zugehörigkeit eines bestimmten Berufsstandes. Hebammen und Heilerinnen wurden immer zuerst verdächtigt. Ihnen sagte man eine Macht nach, vor der sich besonders die hohen Kirchenmänner fürchteten. Diese Frauen wussten Schwangerschaften zu verhindern oder sie gegebenenfalls zu unterbrechen. Sie besaßen Kräuter, Heilpflanzen und Amulette, mit deren Hilfe sie den Schmerz unter der Geburt lindern konnten. In der Fantasie der Menschen wurden daraus schnell Zaubertränke gegen die sich der Behexte nicht wehren konnte oder im schlimmsten Fall Beschwörungen, die dem Opfer Krankheit, Siechtum und Tod brachten.

Der Begriff “Hexe“ kommt eigentlich von Hagazussa, das Weib im Hag oder die Frau in der Hecke. Hag = Hecke. Die Zaunreiterin. Vor der Christianisierung wurde sie als weise Frau verehrt. Sie war die Mittlerin zwischen den Welten. Sie unterhielt Verbindungen zu allem, was „lebte“. Sie kannte Pflanzen, Tiere und Mineralien, die mit Umsicht eingesetzt, die Menschen von ihren Leiden befreiten oder diese zumindest verringerten. Ihre Religion waren Feuer, Wasser, Luft und Erde - die vier Elemente, mit denen sie sprach und die sie verehrte. Ihre Gebete richtet sie an die die “große Mutter“. Die Urmutter, die neben dem Anfang der Zeit, auch der Anfang allen Lebens war.

Wie es nun zu den ersten Hexenprozessen kam, ist bis heute nicht völlig geklärt. Gesichert ist jedoch, dass dem Bodenseeraum in den 1480er Jahren bei der Entstehung von Hexenwahn und Hexenverfolgung in Europa eine wichtige Rolle zukam. Der Beginn der grausamen Hatz im 15. Jahrhundert fiel mit dem Beginn der sogenannten “Kleinen Eiszeit“ zusammen. Eine ganz ähnliche Klimaverschiebung, wie wir sie momentan erleben. Damals wurde es allerdings stetig kälter. Die Chronik belegt, dass der Bodensee im 15.- und 16. Jahrhundert sehr häufig zugefroren war. (Ganze vierzehn Mal!) Heute geht man davon aus, dass sich dieses Ereignis im Höchstfall alle 100 Jahre wiederholt. Massive Stürme, Hagelunwetter und sintflutartiger Regen begleiteten die Kälteperiode. In dieser Zeit kam es zu unvorstellbaren Ernteausfällen und Anfang der 1480er Jahre, soll es daraufhin gerade in Oberdeutschland zu abnormen Preissteigerungen gekommen sein. Was der Frost nicht zerstörte, fiel dem Hagel zum Opfer. Hunger und Pestepidemien schwächten und dezimierten die Bevölkerung weiter. Der Unfruchtbarkeit der Umwelt folgte die von Mensch und Tier. Die Welt war aus den Fugen geraten und die Menschen suchten nach Erklärungen. Da es diese verständlicherweise nicht gab, vermuteten sie hinter alldem schnell etwas Unnatürliches. Auf der Suche nach Verantwortlichen stießen sie unweigerlich auf das Böse. Auf den Teufel und auf die Hölle, die für die Menschen des ausgehenden Mittelalters zur Tagesordnung gehörten, wie es für uns im 21. Jahrhundert die Nachrichten oder die Wettervorhersagen sind. Besonders die Kirche setzte alles daran unter der Bevölkerung die Angst vor der Hölle wachzuhalten. Die Angst vor der ewigen Verdammnis machte die Menschen von damals gefügig. (Hier spricht der Ablasshandel Bände!) Wer wollte schon bis in alle Ewigkeit brennen, während auf der anderen Seite das ewige Leben versprochen wurde?

Die Idee, Ravensburg und den Bodenseeraum für die Hexenjagd auszuwählen, lag auf der Hand. Nachweislich ging dort tatsächlich ein zerstörerisches Hagelunwetter nieder, das die Ernte komplett vernichtete. Daraufhin wurden bald erste Stimmen laut, die behaupteten, das ganze Unglück müsse durch einen Schadenszauber oder einen Wetterzauber entstanden sein. 1484 kam der päpstliche Inquisitor Heinrich Kramer (lat. Institoris) auf Bitten des Kaplans und des Stadtrates, tatsächlich selbst nach Ravensburg, wo er Hexenprozesse leitete und durchführte. Nachweislich wurden zwei Frauen verbrannt, weil sie unter der Folter gestanden, einen Pakt mit dem Teufel zu unterhalten.

Seine Erfahrungen in Ravensburg und anderen Wirkungsstätten hielt Heinrich Kramer im Hexenhammer (lat. Malleus Maleficarum) fest. Seitenweise verfasste er eine Anleitung zum Aufspüren, Überführen, Verurteilen und Hinrichten von Hexen. Viele seiner Fantasien sind sexueller Natur, so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sein Hauptaugenmerk auf den Frauen lag. In seinen Augen waren Frauen weitaus gefährdeter den Versuchungen des Teufels zu erliegen, da sie von Natur aus schwach und wankelmütig waren. Bedeutende Historiker, die sich intensiv mit der Erforschung der Hexenverfolgung befassen, gehen davon aus, dass gerade Heinrich Kramer mit der Veröffentlichung seines Malleus Maleficarum, den „Nerv der Zeit“ getroffen hatte. Der Hexenhammer, der zu den unheilvollsten Büchern der Weltliteratur gezählt wird, war mit beinahe 30 Auflagen über Jahrhunderte hinweg ein schrecklicher “Bestseller“.

Im Hexenhammer, den Heinrich Kramer ab ca. 1487 mithilfe des Buchdrucks verbreitete, wird Ravensburg mehrfach erwähnt. Auf vielen Seiten zitiert der Dominikaner dort Philosophen und Kirchengelehrte, wie Thomas von Aquin und Augustinus. Oft beruft er sich auch auf die Bibel. Das Übrige zeugt von äußerst gefährlichen Fantasien und tiefgreifenden Ängsten. Unter anderem kommt hier das Wettermachen, der Milchdiebstahl, der Pakt mit dem Teufel, die Verwandlung in Tiergestalten, die Opferung von Menschen und die Herstellung von Hexensalben zur Sprache.

In vielen Kapiteln unterweist der Inquisitor die Hexenrichter, indem er ausführlich beschreibt, wie man eine Hexe erkennt und wie man ihr mithilfe grausamster Foltermethoden ein Geständnis abringt. Etliche Kapitel (Teil I des Buches fünf von 18, in Teil II sieben von 24) widmet er dem Geschlechtsverkehr zwischen Mensch und Dämon. Weiter berichtet er von Impotenz- und Unfruchtbarkeitszauber, mit deren Hilfe die Hexe ihre Mitmenschen schädigte.

Gerade im Allgäu, im Bodenseeraum und in Oberschwaben kam es während Kramers Lebenszeit (ca. 1430- 1505) zu regelrechten Verfolgungswellen. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Scharfrichter noch lange Zeit aus der Region Bodensee-Oberschwaben kamen. Die letzte Frau, im deutschsprachigen Raum, wurde erst 1782 unter dem Tatbestand der Hexerei, im Kanton St. Gallen hingerichtet!

Wenn Heinrich Kramer in der Frau schon das leichtgläubige, verdorbene und von Natur aus minderwertige Wesen sah, gab es in seinen Augen noch eine Steigerung - und das war die Hebamme. Ihr oblag es das Kind zu berühren, bevor es durch das Sakrament der Taufe vor dem Zugriff des Teufels geschützt werden konnte. Im Hexenhammer widmet er den Wehmüttern, wie sie damals auch genannt wurden, einige Extrakapitel. Dies ist auch der Grund, weshalb ich für meine Hauptfigur, Luzia Gassner, den Beruf der Hebamme gewählt habe.



Der Bodensee um 1540



Die Schauplätze sind zum Teil noch ganz ähnlich, wie sie bereits im 15. Jahrhundert waren. So findet der Interessierte, der auf Luzias Spuren unterwegs ist, noch heute viele der Straßen, Gassen und Plätze, aus dem Roman. Noch immer lässt sich in Seefelden bei Niedrigwasser, die Landzunge begehen, ebenso die kleine Kirche St. Martin. Die Pfarrei zählt übrigens, wie die Kirchen auf der Klosterinsel Reichenau, zu den Ältesten des gesamten Bodenseegebiets. Besuchern ist es in den Sommermonaten möglich durch den Kräutergarten des Walahfrid Strabo zu schlendern. Die beeindruckenden historischen Altstädte von Ravensburg, Überlingen, Meersburg und Konstanz laden jeden Besucher zu einer Zeitreise ins Mittelalter ein. Die recht übersichtlich gestaltete historische Karte zeigt den Bereich Bodensee- Oberschwaben in der beginnenden Neuzeit. Älteres Kartenmaterial ist oft sehr verwirrend und unübersichtlich.